DIE URSACHEN DER GEFÄHRDUNG DER TIERE


1. Veränderung der Landschaft

In jüngster Zeit hatte nicht nur die Bevölkerungszunahme, sondern auch der steigende Lebensstandard einen enormen Siedlungsdruck zur Folge, welcher quantitativ beinahe ausschliesslich zulasten der landwirtschaftlichen Nutzfläche ging. Zwischen 1950 und 1980 ist tagtäglich jede Sekunde ein Quadratmeter Boden unter Beton oder Asphalt verschwunden (BIOZID-REPORT SCHWEIZ, 1984).

 

2. Verschwinden von natürlichen und naturnahen Lebensräumen

Ohne menschlichen Einfluss würde die Schweiz unterhalb der Waldgrenze fast ausschliesslich aus Wald und Feuchtgebieten bestehen, abgesehen von einigen Trockenrasen im Wallis (ELLENBERG 1986). Eine solche Landschaft herrschte vor, bis unter römischer Besetzung erstmals grössere Flächen gerodet wurden. In welchem Ausmass grössere Huftiere wie Wisent, Auerochs, Elch und Hirsch die Waldentwicklung ohne den Einfluss des Menschen lokal verhindern würden, ist derzeit umstritten.

Mit zunehmender Bevölkerungsdichte wuchs auch der Bedarf an Anbauflächen; es entstand eine abwechslungsreiche Kulturlandschaft mit kleinräumigen Strukturen. Diese Bewirtschaftungsform schuf Lebensräume für sehr viele Pflanzen- und Tierarten mit den verschiedensten Ansprüchen. Eine artenreiche Flora stellt für Tiere nicht nur eine vielfältige Nahrungsgrundlage dar, sondern auch einen Reichtum an Strukturen, welche sie für soziale Tätigkeiten, zur Fortpflanzung und als Schutz vor Feinden brauchen.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts setzte die allmähliche Zerstörung dieser abwechslungsreichen Kulturlandschaft ein. Eine wachsende Bevölkerung machte eine intensivere Bewirtschaftung nötig, welche durch den Einsatz von mechanischen Mitteln auch rationeller wurde. Wenig produktive Flächen wie Feuchtgebiete, Ufergehölze, Feldhecken und Obstgärten mussten Äckern und Fettwiesen weichen. Ökologisch wertvolle Landschaftselemente wie Feldgehölze, Einzelbäume, Hecken, natürliche Bachläufe, Böschungen, Geländekuppen, Felsen und alte Mauern werden ausgeräumt, um möglichst grosse Bewirtschaftungsflächen anzulegen.

Von den rund 2700 in der Roten Liste der Farn- und Blütenpflanzen (LANDOLT 1991) aufgeführten Pflanzenarten sind etwa 3% ausgestorben und weitere 20% stark gefährdet oder gefährdet. Zum Beispiel sind im deutschsprachigen Mittelland 86% der Ackerbegleitflora gefährdet oder ausgerottet (RITTER & WALDIS 1983). Die vielen Pflanzenfresser, die auf bedrohten Pflanzenarten leben, sterben aus oder werden seltener. Dies führt zu einer Nahrungsverknappung bei räuberisch lebenden Arten und Parasitoiden. In der Folge verschwinden auch sie oder wandern aus.

 

Feuchtgebiete, Gewässer und Auen

Bei den Feuchtgebieten (Hoch- und Flachmoore) waren die Zerstörungen im Interesse der Landwirtschaft am grössten. Schon gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurden Moore durch Gräben entwässert und für den Torfabbau trockengelegt. Entwässerungen im grossen Stil folgten dann durch die Meliorationen, welche vor allem zwischen den Weltkriegen stattfanden. Insgesamt wurden im Zeitraum von 1890 bis 1950 rund 90% der Feuchtgebiete zerstört (BROGGI und SCHLEGEL, 1989).

Durch Gewässerkorrekturen wurden Bäche und Flüsse in ein enges Betonkorsett gezwängt, oder sogar vollständig unter den Boden verlegt. Dabei gehen zahlreiche Lebensräume für Tiere verloren: die natürliche und strukturreiche Sohle, welche verschiedene Wassertiefen und Fliessgeschwindigkeiten anbietet, das vielgestaltige Ufer, welches Tieren den Ein- und Ausstieg ermöglicht, sowie Schutz, Laich- und Brutplätze gewährt, und schliesslich Ufergehölze und Auenwälder.

Auenwälder benötigen einen hohen Grundwasserstand und zeitweise Überschwemmungen, welche Kies, Sand und Ton abtragen und ablagern und dadurch Pionierstandorte für eine darauf spezialisierte Flora und Fauna schaffen. Von den 133 in Europa vorkommenden Pflanzenverbänden kommen 60 in unseren Auen vor (KUHN und AMIET 1988). Auch die Fauna ist äusserst artenreich, insbesondere sind viele seltene Vogel- und Amphibienarten auf Auen angewiesen. Von den ursprünglich unser Landschaftsbild prägenden Auen sind nur noch sehr wenige übriggeblieben. 165 Auenobjekte sind im Bundesinventar der Auengebiete von nationaler Bedeutung aufgeführt. Da die Menschen heute im ehemaligen Hochwasserbereich wohnen und arbeiten, verhindern sie Überschwemmungen durch entsprechende bauliche Eingriffe. Zwischen 1951 und 1985 wurden in der Schweiz 2'550 km Bäche korrigiert, in einigen Mittellandkantonen ist gar die Hälfte der Bäche verschwunden (BROGGI und SCHLEGEL 1989). Ähnliches gilt für die grösseren Mittellandseen, wo die Länge der naturnahen Uferzonen heute weniger als 30% der Ufergesamtlänge beträgt.

Wald

Seit Anfang dieses Jahrhunderts liegt der Flächenanteil des Waldes in der Schweiz bei rund einem Viertel. Seine Fläche wurde durch das Forstgesetz von 1902 geschützt. Zum grössten Teil wird der Wald aber bewirtschaftet und entspricht dadurch in seiner Arten- und Alterszusammensetzung nicht mehr einem ursprünglichen Wald. Heute liegt der Anteil an naturnahem Wald bei 13.8%, was einer Fläche von nur rund 40'000 ha entspricht (BROGGI und SCHLEGEL 1989).

In den meisten Waldgesellschaften im Mittelland würden natürlicherweise die Laubholzarten überwiegen, tatsächlich aber sind 54% der Bäume Nadelhölzer (BROGGI und SCHLEGEL 1989). Dazu kommt, dass oft standortsfremde Nadelhölzer angepflanzt wurden. In Monokulturen stehen die Bäume dicht beisammen, so dass nur wenig Licht zum Boden gelangt, was das Aufkommen einer Strauch- und Krautschicht verhindert. Alle Bäume weisen das gleiche Alter auf und abgestorbene Bäume werden entfernt. In einem solchen Wald finden nur wenige Tiere einen geeigneten Lebensraum. Viele Vögel und Arthropoden sind auf Laubbäume und Sträucher angewiesen, ebenso auf alte Bäume und Totholz. Anderseits werden traditionelle Nutzungsformen wie Nieder- und Mittelwald, die der Gewinnung von Brennholz dienten, aufgegeben. Niederwälder werden alle 12-15 Jahre geschlagen und verjüngen sich durch Stockausschlag. Die Tierwelt ist anders als in einem gleichförmigen Hochwald oder Plenterwald, weil nur gewisse Laubbaumarten zu Stockausschlag befähigt sind. Im Mittelwald werden einzelne Bäume stehengelassen, die sowohl lebend als auch als Totholz wertvolle Lebensräume für Tiere anbieten. Mittelwälder haben durch ihre hohe Artenvielfalt an Pflanzen und Kleinlebewesen auch ein breites Nahrungsangebot für grössere Tiere.

Bei den gesetzlich vorgeschriebenen Ersatzaufforstungen werden oft buchtige Waldränder begradigt und vernässte Waldlichtungen entwässert und aufgeforstet. Durch die Aufgabe der Wald-Weide-Bewirtschaftung sind weitere Waldlichtungen verschwunden, die vielen Schmetterlingen ein reiches Angebot an Futterpflanzen liefern. Ein letztes Refugium für Kräuter und Sträucher stellen die Waldränder dar. Natürlicherweise sind sie stufig ausgebildet und weisen einen breiten Strauchgürtel sowie einen vorgelagerten Krautsaum auf. Viele Wälder werden bis an das angrenzende Kulturland bewirtschaftet, und der Landwirt pflügt bis an die Wurzeln der Bäume, sodass Sträucher und Kräuter weitgehend fehlen. Im schweizerischen Mittelland werden nur noch 35% der Waldränder als naturnah eingestuft (BROGGI und SCHLEGEL 1989).

Trockenstandorte

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft wurden magere Wiesen und Weiden sowie Halbtrockenrasen durch regelmässige Düngung und mehrere Schnitte pro Jahr in Fettwiesen umgewandelt. Durch den erhöhten Ertrag von Fettwiesen kann zudem die benötigte Fläche verringert werden. Anstelle der artenreichen Heuwiesen werden heute vermehrt Kunstwiesen, Silofutter und Mais angebaut. Im Gegensatz zur blütenreichen Magerwiese beherbergen Intensivkulturen kaum mehr Tagfalter. Die Zeiträume zwischen den Schnitten einer Fettwiese sind meist zu kurz, als dass Insekten eine Larvengeneration oder bodenbrütende Vögel ihr Gelege durchbringen könnten.

Trockenrasen entwickelten sich meist an sonnenexponierten Südhängen, welche an vielen Orten überbaut wurden. Der Rückgang der trockenen Blumenwiesen liegt bei über 90%, wobei dieser Verlust weitgehend während der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg stattfand.

Obstgärten

Hochstammkulturen sind vor allem von grossem ornithologischem Wert, da sie vielen Vögeln Unterschlupf, Nahrung und Nistgelegenheit bieten. Da der Mostkonsum stark zurückgegangen ist und unser Obst Konkurrenz von Südfrüchten bekommen hat, wurden in den letzten 40 Jahren über drei Viertel aller Hochstammkulturen gefällt (BROGGI und SCHLEGEL 1989). Teilweise wurden sie durch die für die Tierwelt weit weniger wertvollen Niederstammkulturen ersetzt.

Hecken und Feldgehölze

Da Hecken und Feldgehölze oft als Hindernisse für landwirtschaftliche Maschinen betrachtet werden und selber keinen heute nutzbaren Ertrag liefern, sind sie stark dezimiert worden. Hecken haben eine wichtige ökologische Ausgleichsfunktion. Sie sind Lebensraum und Trittstein für eine Vielzahl von Tierarten, sowie ein Überwinterungshabitat für landwirtschaftliche Nützlinge. In der Hecke überwintern Marienkäfer, Florfliegen und andere Blattlausvertilger, im Krautsaum räuberische Laufkäfer und Spinnen. Ein vielseitiges Angebot an Insekten ist Voraussetzung dafür, dass Vögel wie zum Beispiel die Feldlerche oder das Rebhuhn genügend Nahrung zur Aufzucht ihrer Jungen finden. Auch Kleinsäugern und Reptilien dienen Hecken zur Jungenaufzucht und als Versteck. Hasen und Rebhühner brauchen vor allem im Winter Strukturen, wie Heckensäume oder Ackerrandsteifen, wo sie Deckung vor Feinden finden.

Ruderalstellen und Pionierstandorte

In der Schweiz gibt es nur noch wenige Flächen, die nicht in irgendeiner Weise genutzt werden. Dazu gehören stillgelegte Ziegelei- und Kiesgruben, Steinbrüche, Eisenbahnareale und Brachland. Diese Standorte gilt es flächenmässig zu bewahren, da sie für viele Tierarten einen Ersatzlebensraum darstellen. Es handelt sich oft um nährstoffarme, sowohl sehr trockene als auch feuchte Flächen. Wegen übermässigem Düngereintrag durch die Landwirtschaft sind magere Standorte selten geworden. Ihre äusserst reiche Flora und Fauna ist durch wenige nährstoffliebende Arten verdrängt worden.

 

 

3. Zerschneiden (Fragmentation) von Lebensräume, Verinselung

Heute sind in der Schweiz nur noch wenige grössere, zusammenhängende naturnahe Flächen vorhanden. Es sind dies vor allem Waldgebiete, alpine Regionen und einige wenige Feuchtgebiete. Naturnahe Lebensräume in der Kulturlandschaft werden durch Siedlungen, Strassen, Industriegebiete, Sportanlagen und landwirtschaftliche Intensivkulturen voneinander isoliert. Zwischen den getrennten Tierpopulationen ist der genetische Austausch reduziert, was beim Unterschreiten einer kritischen Populationsgrösse zu einem Mangel an genetischer Vielfalt führt. Inzucht kann eine Population vollständig zum Erliegen bringen. Teilweise kann zwischen isolierten Lebensräumen über sogenannte "Trittsteine" (Hecken, Bäche, Wald- und Wegränder, Einzelbäume, usw.) ein gewisser genetischer Austausch noch bestehen. Es ist deshalb besonders wichtig, solche Landschaftselemente als ökologische Ausgleichsflächen zu bewahren.

 

 

4. Zerstörung von Übergangszonen zwischen verschiedenen Lebensräumen

Viele Tierarten leben in den Übergangszonen (Ökotonen) zwischen unterschiedlichen Biotoptypen, da sie entweder täglich oder im Laufe ihrer Entwicklung auf verschiedene Lebensräume angewiesen sind. Für andere Arten ist die Übergangszone nur ein temporärer Lebensraum für die Überwinterung oder ein sicherer "Korridor" zwischen isolierten naturnahen Habitaten. Zu den "Tierverbindungsstrassen" im vernetzten Biotopverbund werden Waldränder, Hecken, Bäche und Flüsse sowie ihre Uferstreifen gerechnet.

Stufige Waldränder, die mit einem Busch- und Krautsaum einen sanften Übergang vom Wald zur Wiese oder Weide bilden, gibt es kaum mehr, weil diese weder land- noch forstwirtschaftlich genutzt werden können. Dabei stellen sie gerade für Waldtiere einen ungestörten Lebensraum dar, und im Krautgürtel finden Säugetiere, Vögel, Reptilien, Arthropoden und Weichtiere Nahrung.

Hecken fielen der Landwirtschaft zum Opfer, weil bei Güterzusammenlegungen grössere Schläge (Bewirtschaftungseinheiten) geschaffen wurden.

In den letzten 100 Jahren wurden im Kanton Bern mehr als 50% der Bäche eingedolt (GRAF 1987), die durchschnittliche Bachdichte des Kantons Aargau wurde von 9 km/km2 auf 1,15 km/km2 reduziert (GLOOR 1984). Die übriggebliebenen Flüsse und Bäche wurden grösstenteils verbaut oder kanalisiert, um Land zu gewinnen und Überschwemmungen zu verhindern. Ursachen für den vermehrt beanspruchten Hochwasserschutz sind die Siedlungen und Industrien in hochwassergefährdeten Gebieten und die herabgesetzte Pufferkapazität der Natur durch die zunehmende Versiegelung des Bodens.

Uferstreifen und Wasser enthalten äusserst vielfältige Habitate, sofern das Gewässer eine natürliche Dynamik entfalten kann.

Allen diesen Ökoton-Lebensräumen ist gemeinsam, dass sie als lange, schmale Verbindungselemente die Ausbreitung von Tierarten ermöglichen. Wird eine Tierart aus einem Gebiet verdrängt, kann sie sich in einen Waldrand oder einen Ufergürtel zurückziehen und von dort aus in ein neues günstiges Habitat einwandern.

 

 

5. Beeinträchtigung von Lebensräumen

Auf einer kontinuierlich abnehmenden Fläche musste die Landwirtschaft immer mehr produzieren. Darauf reagierte sie mit einem verstärkten Druck auf die naturnahen Lebensräume durch vermehrten Einsatz von Kunstdüngern und Pestiziden, sowie Urbarmachung von bisher noch nicht oder nur extensiv genutzten, naturnahen Flächen. Der Düngemitteleinsatz wurde seit 1950 vervierfacht, wobei sich die Erträge beinahe verdoppelten (KAULE 1986).

Dünger wird oft in Mengen verwendet, die die Aufnahmekapazität der Pflanzen übersteigen. Gründe dafür sind mangelnde Kenntnis oder Sorgfalt, ein Überschuss an Gülle aus den vielen Masttierhaltungen sowie der Klärschlamm. Dazu kommt der Stickstoffeintrag aus der Luft, der im Mittelland bis zu 80 kg pro Hektare und Jahr beträgt, was allein schon einer Volldüngung entspricht. Dieser Eintrag stammt aus Heizungen, Industrie, Nutztierställen (Ammoniak) und aus dem Automobilverkehr. Gebunden an Staubteilchen oder Regentropfen gelangt er in den Boden und in die Gewässer. Tiere, die in nährstoffarmen Gewässern leben, oder auf Pflanzen angewiesen sind, welche nur auf nährstoffarmen Böden konkurrenzfähig sind, können sich gegen die nun einwandernde nährstoffliebende Konkurrenz nur selten durchsetzen und werden verdrängt. Für Schmetterlinge wirkt sich die Düngung verheerend aus: fast alle Wiesenbewohner ernähren sich im Raupenstadium von Pflanzenarten, die ausgesprochene Magerkeitszeiger sind (ELLENBERG 1982).

Die von der Landwirtschaft gezielt ausgebrachten Nährstoffe bleiben nicht auf die dafür bestimmten Nutzflächen beschränkt, da sie über Grund- und Oberflächenwasser weitertransportiert werden. So gelangen sie in Still- und Fliessgewässer, in Feuchtgebiete, Wälder und extensiv genutzte Standorte. Zusammen mit der Düngung aus der Luft führt dies an vielen Orten zu einer drastischen Veränderung der Artenzusammensetzung.

Neben der Nährstoffzufuhr tragen auch Pestizide (Herbizide, Insektizide und Fungizide) stark zur Beeinträchtigung unserer Pflanzen- und Tierwelt bei. Durch den Einsatz von Herbiziden und durch die Saatgutreinigung wird die Begleitflora beseitigt, wodurch vielen Insekten, Schnecken und auch Säugetieren die Nahrungsgrundlage entzogen wird. Erfolgt ein Herbizideinsatz gerade in der Zeit, in der eine Schmetterlingsart ihre Raupenphase durchläuft, wird durch das Absterben der Futterpflanze die ganze Population ausgelöscht. Wenn ein Landwirt einen Halbtrockenrasen zu düngen beginnt, verschwinden innerhalb kürzester Zeit 80-90% aller Pflanzenarten. Mit ihnen verschwinden zahlreiche phytophage Insekten, an erster Stelle die Schmetterlinge und Heuschrecken (BLAB & KUDRNA 1982). Das Verschwinden eines grossen Teils der Pflanzenfresser, wie beispielsweise unserer Tagfalter und ihrer Raupen, hat schliesslich das Aussterben von Tieren zur Folge, die sich vorwiegend von ihnen ernähren.

Insektizide schädigen neben den Zielorganismen immer auch eine Reihe anderer Arten, darunter auch Nützlinge oder die naturschützerisch oft so interessanten "indifferenten", das heisst für den Menschen weder schädlichen noch nützlichen Arten. Auch bei einer erfolgreichen Bekämpfung von Schädlingen können durch veränderte Artenzusammensetzung und gestörte Regelmechanismen andere, sogenannte Sekundärschädlinge auftreten.

Oft führen Pestizide bei Tieren nicht zum sofortigen Tod, sondern sie verändern oder hemmen physiologische Körperfunktionen wie Enzymtätigkeiten, Wachstum und Fortpflanzungsfähigkeit. Ihre negative Langzeitwirkung auf die Biodiversität wird dadurch zunächst oft verkannt.

Die Verordnung über umweltgefährdende Stoffe (STOFFVERORDNUNG 1986) verbietet zwar die Anwendung von Pflanzenbehandlungsmitteln in Wäldern, Riedgebieten, Mooren, Hecken, Feldgehölzen, in und an Oberflächengewässern, auf Lagerplätzen und an Böschungen von Geleisen. Aber auch in Gebiete, die nicht direkt mit Bioziden behandelt werden, gelangen Gifte durch die Luft, über Fliessgewässer oder Grund- und Oberflächenwasser. Auch über die Nahrungskette findet ein Transport in andere Organismen und über diese auch in andere Gebiete statt.

Der Energieverbrauch wächst überproportional zur Bevölkerung. Für den Bau von Stauseen werden ganze Regionen mit charakteristischen Pflanzen und Tieren geopfert. Durch die Ableitung von Gletscherbächen aus benachbarten Hochtälern werden diese trockengelegt. Die Restwassermenge ist vielerorts zeitweise so gering, dass nur sehr trockenheitsresistente Arten überleben können. Flusskraftwerke stellen für viele Tiere eine unüberwindliche Barriere dar und verändern das Abflussregime drastisch, was eine Verschiebung der Artenzusammensetzung zur Folge hat.

 

 

6. Direkte menschliche Einflüsse

Immer mehr Menschen leben in Städten, wo die Luft durch Verkehr, Industrie, Heizungen und Kehrichtverbrennungsanlagen stark belastet ist. Das Erholungsbedürfnis der Bevölkerung steigt stetig an, und entsprechend leiden Tiere und Pflanzen in den Bergen, in Wäldern sowie in und an Gewässern.

In empfindlichen Entwicklungsphasen, wie Brut und Jungenaufzucht von Vögeln können Störungen durch Freizeitsport und Tourismus fatale Folgen haben. Für den Tourismus werden abgelegene und ruhige Orte durch Strassen und Bergbahnen erschlossen. Jede Veränderung des Bodens, sei es durch Strassen- oder Siedlungsbau, Skipisten, Sportplätze oder Landwirtschaft verursacht eine Veränderung der Artenzusammensetzung.

Militärische Übungsplätze und Schiessanlagen bilden zwar oft interessante Ersatzstandorte für eine vielfältige Ruderalflora, für Pionierpflanzengesellschaften an oft gestörten Kies- und Sandstandorten und für Pflanzen ungedüngter Trockenwiesen. Für viele Tiere aber sind die Störungen in militärischen Anlagen durch Lärm, Tritt und Verkehr zu massiv. Zur Laichzeit in Kiesgruben gezündete Sprengkörper können ganze Populationen auslöschen. Gefährdete und empfindliche Standorte wie Hochmoore, Feuchtgebiete, Felsenheiden, Auenwälder oder wärmeliebende Trockenwälder sollten vom Militär gemieden werden.

Die Jagd spielt heute eine weniger einschneidende Rolle als früher. Auch in der Schweiz wurden aber einige Tierarten durch die Jagd ausgerottet. Steinbock, Luchs, Biber und Bartgeier wurden wieder eingebürgert. Bei Grossraubtieren wie Wolf und Braunbär ist eine Wiedereinbürgerung sehr umstritten. Obwohl der Luchs geschützt ist, wird er heute immer noch gejagt. Für den Fischotter fehlen zurzeit die geeigneten Lebensgrundlagen in der Schweiz, auch wenn er nicht mehr bejagt würde.

Menschliches Leben ohne Veränderung und Zerstörung der Natur ist nicht denkbar. Auch der Mensch ist Teil der Natur und hat einen Anspruch auf Leben. Als einzige Spezies haben wir aber die Möglichkeit, unsere Auswirkungen abzuschätzen und auf globaler Ebene darüber zu diskutieren. Dadurch übernehmen wir eine Verantwortung gegenüber allen anderen Lebewesen, vor allem auch gegenüber unseren Nachkommen.

Es entspricht dem Wandel der Natur, dass Arten aussterben und andere neu entstehen. Wir aber können das Ausmass der menschlichen Einwirkungen und damit die Geschwindigkeit der Artenverarmung beeinflussen. Welche Massstäbe und Ziele wir uns dabei setzen, hängt von uns selber ab. Die Erhaltung des Artenreichtums ist in vielen Kulturen ein breit abgestütztes Anliegen. Es scheint ein zutiefst menschliches Bedürfnis zu sein, in einer abwechslungsreichen und interessanten Umgebung zu leben (WILSON 1984), und dazu gehört auch eine möglichst vielfältige Fauna und Flora.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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