DIE URSACHEN DER GEFÄHRDUNG DER PFLANZEN

1. Allgemeines

Der Einfluss des Menschen auf die Pflanzenwelt ist ausserordentlich vielfältig. In der Schweiz gibt es heute kein Gebiet mehr, das nicht zumindest indirekt durch den Menschen beeinflusst wird. Viele Lebensräume sind überhaupt erst durch die Wirkung des Menschen zustande gekommen und beherbergen ganz typische Pflanzengesellschaften, die verschwinden, wenn die besonderen menschlichen Einwirkungen aufhören. Selbst abgelegene Wälder und Naturreservate, die vom Menschen kaum betreten werden, stehen unter der indirekten Einwirkung des Menschen. So sind etwa die meisten Raubtiere im ganzen Land ausgerottet. Deshalb haben grössere Pflanzenfresser (z. B. Hirsche, Rehe, Steinböcke, Gemsen) keine Feinde mehr, können sich fast unkontrolliert vermehren und belasten die Vegetation stärker als unter natürlichen Verhältnissen. Aber auch die Luftverschmutzung ist überall wirksam und bedrängt empfindlichere Arten (siehe Kapitel 5). Besonders der Stickstoffeintrag aus der Luft wird voraussichtlich langfristig die vielen Spezialisten auf nährstoffarmen Böden zum Verschwinden bringen.

Auf einige der besonders deutlich wirkenden menschlichen Faktoren soll im folgenden eingegangen werden. Die Reihenfolge der Faktoren entspricht dem Zeitpunkt ihres Auftretens innerhalb der letzten hundert Jahre. Die heutige Bedeutung der Gefahr für die Arten nimmt in der angeführten Folge zu.

 

 

2. Erholungstätigkeit

Je weniger der Mensch zeitlich für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss und je besser es ihm geht, desto mehr Zeit und Geld hat er, um in seiner Freizeit auf die Natur direkt oder indirekt einzuwirken. Als Ausgleich zu eintöniger Arbeit und zu den vielseitigen Belastungen der heutigen Lebensweise ist eine die verschiedensten Interessen befriedigende Erholung notwendig geworden. Zudem sind die Erholungsaktivitäten des Menschen wegen der grösseren Bevölkerungsdichte viel intensiver als früher.

Über den Einfluss der im Zusammenhang mit Erholungsaktivitäten erstellten Bauten und Einrichtungen wie Ferienhäuser, Sportanlagen, Skipistenplanierungen, Badeanlagen, Bootshäfen usw. wird im Kapitel 4 eingegangen. Hier sollen nur die direkten Einwirkungen der menschlichen Freizeitaktivitäten auf die Pflanzen und ihre Lebensräume behandelt werden.

Das Abreissen und Ausgraben von Pflanzen, die attraktiv erscheinen, ist heute viel weniger bedrohend als noch vor 50 Jahren. Die Zeiten haben sich geändert, in denen jeder Wanderer und Spaziergänger einen Strauss schöner Berg-, Wald- und Wiesenblumen von seinen Ausflügen heimbrachte. Die täglich erneuerten Gebinde von Alpen-Akeleien auf dem Esstisch im Berghotel und die mit stengellosem Enzian dicht angefüllten Suppenteller in den Stuben der Familien sind verschwunden. Auch die früher üblichen Schuhschachteln in den Auslagen der Dorfläden in den Bergen, die gefüllt mit Blumen als Feriengrüsse an Verwandte und Bekannte geschickt wurden, gibt es nicht mehr. Die strengen Pflanzenschutzgesetze mit langen Listen von geschützten Pflanzen und vor allem das bessere Umweltverständnis haben diese Bedrohung der Pflanzenwelt vermindert. Auch werden heute auffällige Alpen-, Wald- und Wiesenpflanzen weniger häufig für den eigenen Garten ausgegraben. Die Verwendung von Pflanzen für Erwerbszwecke (z. B. Heilpflanzen) braucht nach dem Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz eine Bewilligung der Kantone, die für die Erhaltung der Arten auf ihrem Gebiet verantwortlich sind. Unter Schutz stehende Pflanzen dürfen (auch für medizinische Zwecke) nicht in der Natur gesammelt werden.

Die Trittwirkung des Menschen mag vernachlässigbar erscheinen, verglichen mit anderen Bedrohungen für Pflanzen. Aber gerade an Orten mit viel Erholungsbetrieb (im Umkreis von grösseren Städten und Kurorten, in der Nähe schöner Aussichtspunkte) entsteht doch beträchtlicher Schaden. In Wäldern und auf mageren Wiesen, wo der Mensch sich abseits der Wege bewegt, spielt oder kampiert, werden trittempflindliche Pflanzen geschädigt und längerfristig gefährdet (z. B. Orchideen). So kann etwa ein Pflanzenphotograph, der ja gerade die Blumen schonen will, unbeabsichtigt um das photogene Objekt herum eine ganze Reihe anderer seltener Pflanzen zertreten. Viele der seltenen Lebensgemeinschaften wie Hoch- und Flachmoore, Halbtrockenrasen, Ufersäume sind sehr trittempfindlich, so dass in den meisten Naturreservaten ein Betreten höchstens auf markierten Wegen gestattet ist (dies auch wegen brütender Vögel). Damit nimmt man aber vielen Interessierten die Möglichkeit, Naturbeobachtungen durchzuführen und ein vertieftes Naturverständnis zu erhalten. Das ist sehr bedauerlich. Leider sind die unter Schutz gestellten artenreichen Biotope so selten geworden, dass Ausnahmen vom Betreteverbot auch für besonders interessierte Naturfreunde meist nicht verantwortet werden können. Wir müssen deshalb bei der Naturschutzplanung zusätzlich Gebiete für Naturbeobachtungen, Naturerlebnisse und Naturkundeunterricht aussondern, bzw. neu schaffen. Dazu eignen sich besonders Kies- und Lehmgruben, kleine Teiche mit Verlandungszonen, sonnige Hänge usw. Dabei muss man von Anfang an in Kauf nehmen, dass Teile der Vegetation unter dem Tritt leiden, und dass auch einzelne Tiere zur Beobachtung eingefangen werden. Sind genügend Naturschutzgebiete in der Nähe, dürfte eine Ergänzung des Pflanzen- und Tierbestandes keine Probleme bilden.

Ufervegetationen sind besonders stark den Aktivitäten des Menschen ausgesetzt und müssen, sofern noch naturnah, zumindest abschnittsweise völlig unter Schutz gestellt werden (Zugangssperre auch für Boote und Fischer).

 

 

3. Sicherheitsbedürfnis

Dass sich der Mensch gegen Naturgewalten schützen will, ist verständlich. Gegenden mit häufigen Naturkatastrophen wurden früher gemieden. Durch unvernünftiges Handeln (Rodungen, zu intensive Nutzungen, Gesteinsabbau usw.) sind die Gefahren zusätzlich erhöht worden. Heute hat der Mensch die Möglichkeit, die meisten dieser Bedrohungen auszuschalten. Dabei wird oft übersehen, dass die Beseitigung einer Gefahr andere Bedrohungen nach sich zieht. So bringt etwa die Verbauung und Absicherung der Gewässer im Oberbereich zusätzliche Hochwasserkatastrophen in den unteren Abschnitten. Viele Pflanzen und Tiere sind auf instabile und deshalb konkurrenzarme Lebensräume angewiesen, die durch das Wirken der Naturgewalten entstehen. Mit der zunehmenden Verbauung der Hänge und Flüsse (nach Hochwassern, Waldbränden, Bergschlipfen usw.) und mit den Seeregulierungen sind viele Biotope beseitigt worden, die sonst in der Natur verbreitet wären: Wasserläufe, Ufer- und Verlandungszonen, Kies- und Sandplätze, Gebüschformationen, Schutt- und Geröllfluren. Heute sind im Mittelland solche von der Natur abhängige Biotope nur noch in kleinen Resten vorhanden und die Arten dieser Lebensräume gehören zu den am meisten dezimierten und gefährdeten in unserem Land. Zwar begegnet man gelegentlich noch kleinen Teilen von Altläufen, Hangrutschen oder Auengebüschen, die aber wegen Fehlens der natürlichen Dynamik bald zuwachsen. Man hat an einzelnen Stellen versucht, solche Gebiete neu zu schaffen (z. B. Naturschutzgebiete Hochfelden, Bösinger Au, Flachwassersee im aargauischen Reusstal). Diese Gebiete brauchen aber ziemlich intensive Pflege, muss doch die Dynamik stets wieder simuliert werden, indem der neu entstehende Boden abgetragen und die dichter werdende Vegetation entfernt wird. In der Folge kann die Sukzession wieder beim Pionierstadium beginnen. Kiesgruben sind Ersatzbiotope für ehemalige Erosions- und Überschwemmungsgebiete. Sie behalten ihren Wert nur bei, wenn Vegetation und Streu in Abständen von einigen Jahren entfernt werden. Je mehr solcher Kiesgruben bestehen, desto mehr Pionierarten können lebensfähige Populationen bilden. Trotz der grossen Kiesausbeutung hat es heute viel zu wenig solcher Kiesgruben, und viele Pionierarten fehlen über weite Strecken des Mittellandes fast völlig. Gerade solche Pionierpflanzen, deren Früchte weit herum durch den Wind verbreitet werden, die rasch anwachsen und den Boden stabilisieren, erfüllen aber eine wichtige Funktion, indem sie bei kleineren Erdanrissen und Rutschungen die offenen Flächen in kurzer Zeit besiedeln und befestigen können.

 

 

4. Überbauung und Verkehr

Verkehrsanlagen und Überbauungen haben nicht nur rein flächenmässig die Lebensmöglichkeiten der Arten eingeschränkt. Sie greifen oft selektiv in die Artenvielfalt ein, indem sie Orte beanspruchen, die land- und forstwirtschaftlich weniger wertvoll, dafür aber biologisch vielfältig sind. Manches Industriegebiet ist in Sumpfgebieten aufgestellt worden. Strassen und Parkplätze wurden oft durch Auffüllen der Seeufer ermöglicht; Flugplätze sind über den schönsten Riedlandschaften gebaut. Mit Vorliebe werden in unserem kühlen Klima und unserer sonnenhungrigen Zeit Wohnhäuser an Südhängen aufgestellt, gerade dort, wo auch die Artenvielfalt der Pflanzen am höchsten ist.

Strassenränder, Mauern, Wegraine sind zwar noch vorhanden; die heutige Betontechnik und die Bewirtschaftungsmethoden verhindern aber das Gedeihen von gefährdeten Pflanzen. Dabei bieten Mauern und Wege mit offenen Fugen und Wegborde, die im Sommer oder Herbst gemäht und nie gedüngt werden, vielen seltenen und interessanten Pflanzen Platz für das Vorkommen. Oftmals weisen Mauern und gepflästerte Wege gerade in Städten ein viel wärmeres Lokalklima auf und ermöglichen südlicheren Pflanzen zu wachsen. Indessen gelten Pflanzen an Wegen und auf Mauern immer noch als unordentlich, weshalb allfällige Fugen zubetoniert und asphaltiert werden. Sich trotzdem entfaltende Pflanzen beseitigt man oft mit Herbiziden. Gerade in überbauten Gebieten und längs von Strassen und Wegen könnten noch viele Arten ohne Schaden zu stiften und ohne aufwendige Pflege überdauern. Wegen veränderter Bewirtschaftungsweise und Zerstörung von Brachland und von unbebauten Plätzen sind ihnen die ökologischen Nischen genommen worden. Wir müssen aber von unserem Ordnungsperfektionismus wegkommen. Hervorspriessendes Grün am Strassenrand und zwischen Pflastersteinen sollte erfreuen und nicht Ärgernis sein.

 

 

5. Energiebedarf und Emissionen

Der erhöhte Energiebedarf äussert sich einesteils in Kraftwerken (Wasser-, thermische und Atom-Kraftwerke) und andernteils in einer erhöhten Wasser-, Boden- und Luftverschmutzung aus Haushalt, Industrie und Verkehr.

In seltenen Fällen haben Wasserkraftwerke und Speicherseen eine Bereicherung der Lebewelt mitgebracht, so etwa am Klingnauer Stausee oder am Reussflachwassersee, wo sich nicht nur zahlreiche Vögel einfinden und überwintern können, sondern eine Reihe von Wasser- und Uferpflanzen Lebensräume fanden. Im allgemeinen ist aber der Einfluss negativ, weil entweder wertvolle Moor- und Auengebiete überflutet wurden (z. B. Sihlsee), oder weil in Flusslaufwerken der Wasserstand nur wenig Schwankungen zeigt und die typischen und selten gewordenen Niederwasserpflanzen im Uferbereich fehlen. In Gebirgsspeicherseen schwankt der Wasserstand so stark, dass keine Verlandungspflanzen mehr vorkommen.

Der direkte Einfluss der Atomkraftwerke auf die Pflanzenwelt scheint relativ gering zu sein: Veränderungen der Flusswassertemperatur bei Kühlung mit Flusswasser, was zur Veränderung in der Artenzusammensetzung der Wasservegetation führt; Erhöhung der mittleren Luftfeuchtigkeit und dadurch Reduktion der Einstrahlung, was möglicherweise einen Rückgang von wärmebedürftigen Arten zur Folge haben kann. Die Folgen der geringfügig erhöhten Strahlung auf die Umgebung sind umstritten. Sehr viel weitreichender auf Farn- und Blütenpflanzen wirkt sich die Luft- und Gewässerverschmutzung aus. Die langfristigen Folgen sind noch kaum abzuschätzen, da die Wirkungen sehr komplex sind. Bekanntlich kann man die heute auftretenden schwerwiegenden Waldschäden auf vielseitige Wirkungen der Luftverschmutzung zurückführen. Über die Folgen dieser Verschmutzung auf die Artenzusammensetzung einer Vegetation wissen wir noch kaum etwas. Von Flechten- und Moosarten ist bekannt, dass sie in der Gegend grösserer Städte durch die Luftverschmutzung zerstört wurden. Die hohen Stickstoffeintragungen aus der Luft (vor allem über Stickoxyde) müssen mit Sicherheit zu einer Verarmung unserer Flora führen. Sie betragen in Deutschland nach ELLENBERG (1985, 1987) und wohl auch in einzelnen Gebieten des Mittellandes bis zu 40 kg Stickstoff pro ha und Jahr, was etwa 1/5 bis 1/2 der Düngermengen entspricht, die in Intensivkulturen ausgebracht werden. Bis etwa 1860 betrug der mehr oder weniger natürliche Stickstoffeintrag etwa 2 kg pro ha und Jahr. Der Eintrag hat sich seither demzufolge alle 30 Jahre verdoppelt. Ökosysteme, die durch den Menschen nicht genutzt und bei denen deshalb keine Nährstoffe mehr weggeführt werden, reichern sich mit Stickstoff an, was die Ausbildung einer üppigen, aber artenarmen Vegetation zur Folge hat. In den mitteleuropäischen Wäldern konnte ELLENBERG (1985) bei Vergleichen von früheren und heutigen Artenzusammensetzungen der gleichen Flächen nachweisen, dass die heute vorkommenden Arten deutlich mehr Stickstoff im Boden anzeigen und die Artenvielfalt abgenommen hat. KUHN et al. (1987) stellten im Durchschnitt von zehn Waldbeständen in der Nordschweiz (Lägern bis Rhein) zwischen 1938 und 1984 eine Abnahme von 47 auf 31 Arten fest. Auch wenn die höheren Nährstoffgehalte im Wald teilweise auf die geringere heutige Nutzung zurückzuführen sind (kein Mittelwaldbetrieb mehr, keine Streu- und Fallholzgewinnung), so ist dieser Artenrückgang doch bedenklich. Gerade viele unserer eigenartigsten und reichhaltigsten Vegetationen wie Hoch- und Flachmoore sowie Magerwiesen verdanken ihre Vielfalt der Nährstoffarmut des Bodens. Dort können nämlich konkurrenzkräftige, rasch wachsende und beschattende Arten nur noch schlecht wachsen. Damit wird vielen lichtbedürftigen Nährstoffspezialisten ermöglicht, sich erfolgreich zu behaupten. Wenn nun der stete Stickstoffeintrag nicht unterbunden werden kann, werden diese Vegetationen zu einem grossen Teil verschwinden, auch wenn sie noch so gut gepflegt werden.

Über den Einfluss der Gewässerverschmutzung wissen wir heute relativ gut Bescheid, weil diese bereits seit weit über 50 Jahren andauert. (Zusammenfassende Darstellung in KUMMERT und STUMM 1988.). Oligotrophe (nährstoffarme) Gewässer sind schon lange selten geworden und damit auch die entsprechenden Wasserpflanzenarten teilweise verschwunden. Besondere Aufmerksamkeit hat das Schilfsterben erregt, das viele Röhrichtsäume an den Ufern der Mittellandseen und mit ihnen auch viele typische Arten vernichtet hat. Im Unterschied zum Röhricht, das zeitweise unter Wasser steht, ist der Schilf weiter landwärts nicht vom "Schilfsterben" bedroht, sondern breitet sich dort auf Kosten von anderen Ufer- und Riedgesellschaften aus. Das Schilfsterben im vom Wasser bedeckten Uferbereich ist zu einem grossen Teil auf die Verschmutzung der Seen mit Nährstoffen zurückzuführen (KLÖTZLI 1979a, GRÜNIG 1979). Das Aussterben des Bodensee-Steinbrechs (Saxifraga amphibia) und der Purpur-Grasnelke (Armeria purpurea) und die fast völlige Zerstörung von Rehsteiners Vergissmeinnicht (Myosotis rehsteineri) am schweizerischen Bodenseeufer, ebenso der Rückgang der Rhein-Schmiele (Deschampsia rhenana) sind vorwiegend auf diese Verschmutzung zurückzuführen. Von diesen vier Pflanzen ist der Bodensee-Steinbrech, der sich aus nacheiszeitlichen Populationen des Gegenblättrigen Steinbrechs (Saxifraga oppositifolia), einer Gebirgspflanze aus den Alpen, entwickelt hat, nur im Bodenseegebiet heimisch und heute endgültig ausgestorben. Die Purpur-Grasnelke wächst noch an einer einzigen Stelle bei Memmingen in Bayern. Rehsteiners Vergissmeinnicht kommt zwar in der Schweiz am Bodenseeufer noch in wenigen Exemplaren vor; seine Ausrottung dürfte aber ohne wirksame Gegenmassnahmen nur noch eine Frage von wenigen Jahren sein. Auch auf dem deutschen Bodenseeufer ist es sehr selten geworden. Früher besiedelte es auch andere Seeufer (z. B. Genfersee, Langensee, Luganersee), ist aber dort schon lange wegen Seeregulierungen, Verbauungen und Wasserverschmutzung zerstört worden. Die ganze Gesellschaft der Rhein-Schmiele, die früher so charakteristisch für die Bodenseeufer war, ist weitgehend durch Rohrglanzgras- und Schilfbestände ersetzt worden (vgl. THOMAS et al. 1987).

 

 

6 Landwirtschaft und Forstwirtschaft

Die negativen Einflüsse der modernen Land- und Forstwirtschaft auf die Umwelt sind relativ gut bekannt (vgl. z. B. BROGGI 1979, HERBERZ 1983, MEISEL 1984, BAUER 1985).

Die Landwirtschaft ist heute aus Rentabilitätsgründen gezwungen, hohe Erträge mit wenig Arbeitskraft aus dem Boden herauszuwirtschaften. Das führt dazu, dass dieser besonders im Mittelland sehr intensiv und grossflächig bewirtschaftet wird. Hohe Düngergaben und ausgedehnte Pestizidanwendungen gelten für die moderne Landwirtschaft als notwendig. Gebiete in tieferen Lagen, die keinen maximalen Ertrag hergeben, werden melioriert oder anderen Zwecken zugeführt (z. B. aufgeforstet oder überbaut). Mit dem Übergang von einer manuell-mechanischen zur technisiert-chemischen Bewirtschaftungsweise wurde eine Vereinheitlichung der Standorte herbeigeführt, und intensive Monokulturen sind vorherrschend. Ehemals abwechslungsreiche Landschaften mit vielerlei ökologischen Nischen wurden einheitlich und monoton. Die folgenden Lebensräume finden in der heutigen Zivilisationslandschaft keinen Platz mehr: magere (trockene, wechseltrockene und feuchte) extensiv genutzte Wiesen und Weiden, Moore, Waldwiesen, gestufte Waldränder, brachliegende Felder, ungedüngte und unbebaute Plätze, extensiv genutzte Wegränder, Lesesteinhaufen, Steinmauern, Hecken und Feldgehölze, Streuobstwiesen usw. Umgekehrt entstehen intensiv genutzte und überdüngte Fettwiesen mit Arten, die hohe Düngergaben und häufigen Schnitt ertragen können und sich rasch vegetativ ausbreiten, oder nicht mehr bewirtschaftete Wiesen (Struktur- und Sozialbrachen), denen die vielen Arten heller und nährstoffärmerer Standorte fehlen und die schliesslich verbuschen und verwalden. ZOLLER und BISCHOF (1980) wiesen nach, dass magere Mähwiesen doppelt bis dreifach so viele Pflanzenarten aufweisen wie intensiv gedüngte und genutzte oder verbrachende Wiesen. Über die Sukzession auf Grünlandbrachen mit ihren Folgen für die Artenvielfalt berichten BISCHOF (1981) und SCHREIBER (1985). Besonders schwierig sind die Verhältnisse für Unkräuter. Durch Saatgutreinigung und intensive Herbizidanwendung sowie durch Aufgabe der Drei- und Zweifelderwirtschaft sind im Mittelland die meisten Unkräuter bereits verchwunden. Dafür haben sich die wenigen Arten, die eine gewisse Resistenz gegenüber Herbiziden entwickelten (z. B. hirseartige Gräser, Kletten-Labkraut, Winden, Weisse Melde) umso mehr ausgebreitet. Die Kultur des wärmebedürftigen Maises, der sich erst sehr spät im Frühsommer entwickelt, ist ohne Herbizidanwendung kaum denkbar. Einzelne Herbizide (die heute allerdings nicht mehr gestattet sind), wirken im Boden oft noch nach einem Jahr auf die Unkräuter, die deshalb auch bei Kulturänderung keine Chance haben. Die Selektion von herbizidresistenten Rassen verlangt immer höhere Herbiziddosen und die kombinierte Anwendung von mehreren Herbiziden. Der Rückgang von Winterkulturen bringt ein Zurückdrängen der zweijährigen Unkräuter mit sich. Besonders gefährdet sind auch Arten, die sich eng an eine bestimmte Bewirtschaftung angepasst haben, die heute nicht mehr oder nur noch selten durchgeführt wird (Leinkulturen, Buchweizenanbau). Konnte man früher anhand von Unkrautpflanzen genau Auskunft über Nährstoff- und Feuchtigkeitsverhältnisse der Kulturböden Bescheid erhalten, so sind heute gerade die Arten mit engen Standortsansprüchen, also die guten Zeigerpflanzen (wie Magerkeits-, Trockenheits-, Wechselfeuchtigkeits-, Kalk- und Säurezeiger), weitgehend verschwunden. Das Fehlen von Unkräutern führt in den Äckern zu grösserer Boden- und Nährstofferosion und zu zusätzlichen Gewässerverschmutzungen. Nach SUKOPP et al. (1978) sind 2/3 der in Deutschland gefährdeten Pflanzen ausschliesslich oder zum grossen Teil wegen der veränderten landwirtschaftlichen Bewirtschaftung bedroht oder verschwunden. In der Schweiz dürften die Verhältnisse ähnlich sein.

In vielen Gebieten bestehen heute Reservate für Trockenwiesen, Riedwiesen und Moore, Hecken usw. Aber diese sind oft in der Zahl viel zu klein und in der Ausdehnung zu gering, als dass die Erhaltung genügend grosser Populationen auch der seltenen Arten gewährleistet wäre. Zudem werden die Reservate oft nicht oder nicht mit der nötigen Sorgfalt gepflegt. Für die Erhaltung von Unkräutern ist bis heute nur wenig vorgekehrt worden. Sie sind umso mehr gefährdet, als sie, besonders im Mittelland, auch an der Grenze ihrer klimatischen Verbreitung sind (zuviel Regen und zuwenig Sonneneinstrahlung).

Auch die Forstwirtschaft wurde rationalisiert und hat zur Verarmung der Flora beigetragen. Abgesehen von den Rottannen-Monokulturen, die über weite Gebiete gewisse Laubwaldkräuter zum Verschwinden brachten, gestattet die heutige Wirtschaftsweise lichtbedürftigen Arten kaum mehr zu gedeihen. Viele Arten, die früher in den Mittelwäldern häufig waren, sind selten geworden. Offene Stellen im Wald werden sofort wieder aufgeforstet und aufwachsende Kräuter durch Herbizide zurückgedrängt. Damit sind auch die periodisch in Waldlücken aufkommenden Saum- und Mantelpflanzen sowie Waldschlagpflanzen gefährdet.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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